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Leseband

Die Methoden, die im Leseband.SH zum Einsatz kommen


Die inhaltliche Ausgestaltung des Lesebandes bilden sechs Lautleseverfahren der systematischen Leseförderung. Orientiert an den individuellen Lernständen der Kinder werden die Methoden von der Lehrkraft ausgewählt und eingesetzt. Alle Methoden zielen primär auf die Steigerung der Leseflüssigkeit hin, fördern zugleich immer auch die Lesemotivation und die Freude am Lesen der Kinder.


Methode 1: Vorlesen und Zuhören


Die Methode „Vorlesen und Zuhören“ ist wichtig für die literale Entwicklung von jungen Leserinnen und Lesern, wenn deren Schriftspracherwerb für ein eigenes fluentes Lesen noch nicht ausreichend weit gediehen ist. Auch Kinder, die erst seit wenigen Monaten bei uns in Deutschland leben, profitieren von der ersten Leseband-Methode. Dabei fungiert die Lehrkraft oder ein anderes Lesevorbild mit einem betonten Lesen als Lese-Modell. So kann von Beginn der Grundschulzeit an bereits mit den Schülerinnen und Schülern in das Leseband eingestiegen werden und das Leseband als positiv aufgeladene Lese-Situation wahrgenommen werden.


Methode 2: Vorlesen und Mitlesen


Während einige Kinder also noch zuhören und dabei erste literarästhetische Erfahrungen sammeln, können andere Schülerinnen und Schüler ggf. schon chorisch mitlesen. Das „Vorlesen und Mitlesen“ (auch „Chorisches Lesen“ genannt) ist ein lautes wie leises Lesen, bei dem ein zuvor ausgewähltes Buch bzw. eine zuvor ausgewählte Geschichte je nach Lesefertigkeit der Lerngruppe 10 bis 20 Minuten von der Lehrkraft vor- und von den Schülerinnen und Schülern mitgelesen wird. (Es ist auf jeden Fall zu vermeiden, die Schülerinnen und Schüler anfangs zu überfordern. Sollten sie zunächst nur 10 Leseminuten durchhalten, können sie sich schon wenige Woche später auch 20 Minuten lesend konzentrieren. Die Steigerung sollte nur unbedingt sachte vorgenommen werden.)
Die Kinder nutzen die gut hörbare Stimme als Lese-Modell, sie lehnen sich an dieses Modell an und kompensieren die eigenen Leseschwierigkeiten, indem sie simultan leise (das heißt entweder stumm oder halblaut) in den eigenen Texten mitlesen. Wird mit den Schülerinnen und Schülern eine Ganzschrift gelesen, so hat es sich bewährt, die Bücher nach Beendigung der Leseeinheit wieder einzusammeln.
Diese Maßnahme ist in schwach lesenden Jahrgängen deswegen von Vorteil, da somit keines der schon stärker lesenden Kinder dazu verleitet werden kann, den ausgewählten Text allein weiterzulesen und ggf. den Mitschülerinnen und Mitschülern (zum Beispiel aus Stolz oder Missgunst) den Ausgang der Geschichte zu verraten. Ein weiterer Vorteil dieser unbestritten einschränkenden Maßnahme liegt darin, das beliebte ‚Leseband‘ als positiv aufgeladene Lese-Situation zu verfestigen und es somit zu einem Ort zu machen, auf den sich die Schülerinnen und Schüler (bereits in der Pause/vor dem Einläuten) freuen können (vgl. Meyer 2011).
In den ersten zwei oder drei Wochen kann es vorkommen, dass nicht alle Schülerinnen und Schüler die Konzentration aufbringen, länger als zehn Minuten am Stück zu lesen. Vor allem die ganz schwach lesenden Lernerinnen und Lerner dürfen an dieser Stelle nicht überfordert werden, sonst verlieren sie schnell die Motivation, weiterhin an der Leseförderung teilzunehmen. In solchen Fällen sollte unbedingt vorzeitig gestoppt und die Textstelle markiert werden, um mit der Lektüre am Folgetag fortzufahren.

Methode 3: Das Tandemlesen


Bei der Methode „Lautlesetandems“ werden die Wirkmechanismen der Wiederholung und der Begleitung miteinander zu einer feststehenden Lese-
routine kombiniert, die in der Übungszeit immer wieder durchlaufen wird. Das Lautlesen wird dabei gemäß der Titelbezeichnung kooperativ im Unterricht durchgeführt, das heißt, ein etwas besser lesendes Kind (‚Lese-Trainerin/Lese-Trainer‘) wird von der Lehrkraft zusammen mit einer noch nicht so flüssig lesenden Mitschülerin bzw. einem noch nicht so flüssig lesenden Mitschüler (‚Lese-Sportlerin/ Lese-Sportler‘) zu einem Lesetandem eingeteilt, das einen „Lesewettbewerb“ bestreitet. Die sportliche Metaphorik soll einerseits dazu beitragen, dass die Schülerinnen und Schüler die verschiedenen Rollen akzeptieren: Eine Sportlerin oder ein Sportler braucht eben eine Trainerin oder einen Trainer, um sich zu verbessern – warum soll dies beim Lesen anders sein? Andererseits kann mit Verweis auf den Sport den schwachen Leserinnen und Lesern deutlich gemacht werden, dass ihre eigene Anstrengung in den Trainingssituationen auch tatsächlich – wie beim Sport – zu besseren Leseleistungen führen werden.
Dass die Lernenden auf diese Weise selbst für ihren Lernerfolg (mit-)verantwortlich sind, kann sich auch positiv auf Selbstkonzepte beim Lesen auswirken. Mit beiden Rollen gehen neben sozialen Aufgaben auch lesespezifische Anforderungen in den drei Phasen der Methode einher. Die Übungszeit beginnt immer mit dem gemeinsamen Synchronlesen. Hierbei sitzen Trainerin oder Trainer und Sportlerin oder Sportler dicht nebeneinander und schauen gemeinsam in den ausgewählten Übungstext. Die Schülerinnen und Schüler einigen sich auf einen Start innerhalb des Textes und legen ihren Finger an. Auf ein vereinbartes Zeichen hin beginnen beide Kinder mit der halblauten Lektüre des Textes, sie lesen also ‚im Chor‘. Die Lese-Trainerin bzw. der Lese-Trainer führt dabei die jeweilige Zeile mit dem Finger mit.
Die zweite Phase setzt dann ein, wenn sich die Lese- Sportlerin bzw. der Lese-Sportler verlesen hat und diesen Fehler nicht unmittelbar selbst korrigiert. Als Lesefehler gelten 1.) klassische Verlesungen,  2.) Auslassungen sowie 3.) Erlesungen eines Wortes, die mehr als drei Sekunden dauern. Nun greift die Verbesserungsroutine des Kindes in der Rolle der Trainerin oder des Trainers, welches auf das falsche Wort deutet, seine Bedeutung im Deutschen sowie die korrekte Aussprache liefert und diese mit der Sportlerin oder dem Sportler einübt. Dann setzen die Partnerinnen bzw. Partner am Satzanfang das Synchronlesen fort.
Sollte auch die Lese-Trainerin oder der Lese-Trainer ein Wort im Satzkontext nicht lesen können oder dessen Bedeutung nicht kennen, kann das Tandem externe Quellen (Wörterbücher, Rückfrage bei der Lehrkraft usw.) heranziehen.
Die dritte Allein-Lesen-Phase setzt dann ein, wenn die Lese-Sportlerin oder der Lese-Sportler längere Zeit ohne Fehler liest und sich – gegebenenfalls nach einigen Wiederholungen des Übungstextes – im flüssigen Lesen sicherer fühlt. Dem Kind in der Rolle der Trainerin beziehungsweise des Trainers wird dann ein zuvor verabredetes Zeichen gegeben, woraufhin dieses mit dem Vorlesen aussetzt, jetzt nur noch still mitliest, die Zeile aber weiterhin mit dem Finger mitführt. Unterläuft der Sportlerin oder dem Sportler ein nicht korrigierter Lesefehler, greift wiederum die Verbesserungsroutine und das gemeinsame Lautlesen setzt am Satzanfang wieder ein.
Am Beginn des Lesetrainings wird das Verfahren in Form einer einführenden Unterrichtseinheit eingeführt. Hierbei werden der Ablauf, die sozialen Aspekte, die mit den beiden Rollen einhergehen, sowie die Zielsetzung der Übung thematisiert. Auch wird ein halblautes Lesen mit den Kindern eingeübt, um die Lautstärke erträglich zu halten (vgl. zur praktischen Durchführung die Materialien in Rosebrock et al. 2019).
Die vorliegenden empirischen Ergebnisse zeigen, dass die Leseflüssigkeit durch das Üben in den Lautlesetandems bei den Schülerinnen und Schülern sowohl im Primarbereich als auch in der Sekundarstufe (Gemeinschaftsschule) nachhaltig verbessert werden kann. Bei den älteren Schülerinnen und Schülern verbesserte sich indirekt durch das Lesetraining auch das Textverständnis, was durch die oben dargelegte Entlastungsfunktion des flüssigen Lesens plausibel ist (zu den Ergebnissen vgl. bspw. Nix 2011 sowie Gold et al 2013).
Folgende zwei alternativen Abfolgen der Wiederholung haben sich bei erfahrenen Leseband-Schulen (wie der Grundschule Kirchdorf) bewährt und können nach Wunsch der Kinder variiert werden:


A. Der/Die Trainer/Trainerin liest laut vor und der/ die Sportler/Sportlerin liest leise mit. Nach fünf Minuten liest der/die Sportler/Sportlerin dieselbe Textstelle erneut laut vor, dieses Mal liest der/die Trainer/Trainerin leise mit. Im dritten Durchgang und nach weiteren fünf Minuten lesen schließlich beide Kinder die Textstelle zum dritten Mal, dieses Mal aber halblaut und simultan im Chor.

B. (in derselben Wiederholungs-Routine von jeweils fünf Minuten) Der/Die Trainer/Trainerin liest laut vor und der/die Sportler/Sportlerin liest leise mit. Danach lesen beide halblaut im Chor, so dass zum Ende schließlich der/die Sportler/Sportlerin laut vorlesen kann und der/die Trainer/Trainerin
leise mitliest. Gegenseitige Belobigungen fördern dabei die Lesemotivation und das lesebezogene Selbstkonzept.


Methode 4: Das Vorlesetheater

 

Das Vorlesetheater ist das Gegenteil von unvorbereitetem Reihum-Lesen und letzterem unbedingt vorzuziehen. Indem jeder Schüler und jede Schülerin hierbei ausreichend Zeit erhalten, um die Redebeiträge der ihm oder ihr zugewiesenen literarischen Figur im Text zu üben, kann auch mit benachteiligten Kindern das Lesen mit verteilten Rollen geübt werden.
Die Lehrkraft kann den Text zu Beginn einmal laut vorlesen. Da es allerdings auch Lerngruppen gibt, die sich die Geschichte selbst erlesen wollen, ist dies eine fakultative Vorgabe. Die Schülerinnen und Schüler übernehmen nun die Rollen der literarischen Figuren. Die Erzählinstanz in narrativen Texten sollte je nach quantitativer Dominanz unter mehreren Schülerinnen und Schülern aufgeteilt werden. Die Übungsroutine
wird von Rosebrock und Nix (2017: 47f.) folgendermaßen beschrieben:
„Die Kinder üben mit diesen Scripts in Gruppenarbeit zum einen, eine von ihnen ausgewählte Figur des Textes durch das Vorlesen ‚zum Leben zu
erwecken‘, also durch verschiedene sprecherische Mittel (vgl. dazu Ockel 2000) die charakterlichen Eigenschaften, Gefühle, Gedanken und Motive der Figur im Kontext der jeweiligen Handlungssituation möglichst angemessen stimmlich zu interpretieren. Andererseits müssen die Schülerinnen und Schüler ihren individuellen Vortrag mit anderen Sprechern der Gruppe abstimmen, im Gruppenprozess die klangliche Inszenierung des Textes diskutieren und so eine Gesamtdeutung des Gelesenen zusammen erarbeiten. Die Zielsetzung des Lesetheaters besteht für die Schülerinnen und Schüler darin, sich durch das wiederholte Lautlesen und den Austausch in der Gruppe für die abschließende Lese-Aufführung des Textes vorzubereiten: Im Lesetheater soll den Zuhörerinnen und Zuhörern der Text möglichst bildhaft und einprägsam, eben "lebendig", vor Augengeführt werden.
Aufwerten und ergänzen lassen sich Lesetheater-Projekte, indem sie mit bekannten Routinen des Kasperle- bzw. Puppentheaters zusammen-gebracht werden. Hierbei kann es (durch Los, durch Freiwilligkeitsentscheidungen oder durch regelmäßige Abwechslung) zu einer Teilung der Gruppe in Vorleserinnen / Leser auf der einen Seite und Puppenspielerin / Puppenspieler auf der anderen Seite kommen.

Methode 5:
Lesen mit dem Ich-Du-Wir-Würfel


Beim „Lesen mit dem Ich-Du-Wir-Würfel“ handelt es sich um eine Art Gesellschaftsspiel, welches den Förderprinzipien des wiederholten Lautlesens folgt. Es setzt am Spaß in der Gruppe an und nutzt diesen lese-didaktisch aus. Das ‚Würfel-Lesen‘ wird am besten in Vierergruppen gespielt. Der vorher zu präparierende (oder zu erwerbende) Extra-Würfel wird jeweils zwei Mal mit den Seiten ICH, DU und WIR ausgestattet.
Die ausgewählten Texte müssen in vier bis sechs etwa gleichgroßen Abschnitten vorliegen. Die Länge eines Abschnitts sollte in Abhängigkeit von der Leseflüssigkeit der Kinder 30 bis 50 Wörter nicht überschreiten. Sitzen die Kinder in ihren Gruppen im Kreis, beginnt das erste Auswürfeln, zum Beispiel in alphabetischer Reihenfolge der Vornamen. Würfelt das erste Kind ein ICH, liest es den ersten Abschnitt halblaut vor.
Bei DU darf eine Dritte als Vorleserin / ein Dritter als Vorleser bestimmt werden. Die anderen Kinder lesen jedes Mal still im eigenen
Text simultan mit. Fällt die WIR-Seite, liest die gesamte Gruppe im Chor. Sollte es von den Mitgliedern der Gruppe erwünscht sein, dürfen die bereits besser lesenden Kinder immer dann leise einhelfen, wenn ein lesendes Kind stockt oder sich verliest.
In der zweiten Würfelrunde liest das nächste würfelnde Kind den vorherigen, also bereits bekannten Abschnitt erneut laut vor, danach dann den eigenen, neuen Absatz. In der dritten Runde wiederholt sich diese Routine mit dem nächsten Kind, erst danach liest dieses wiederum den eigenen Textabschnitt. Dieses Vorgehen wiederholt sich so oft, wie der Text Abschnitte hat. Zum Abschluss lesen alle Kinder den Text im Chor laut (und dann auch flüssig) vor.


Methode 6: Lesen mit Hörbüchern


Das „Lesen mit Hörbüchern“ ist eine denkbar einfache und zugleich sehr effektive Form der Förderung, die bereits für die Sekundarstufe 1 (vgl. Gailberger 2013) sowie in Ansätzen auch für die Primarstufe (Boll & Scholz 2012; Meyer 2011) empirisch erprobt wurde. Dabei wurde gezeigt, dass nach nur wenigen Wochen die Leseflüssigkeit (auf kognitiver Ebene), mehr noch aber die Lesemotivation, die Freude am Lesen im Deutschunterricht und weitere Determinanten des Lesens (auf subjektiver Ebene) gesteigert werden konnten. Darüber hinaus wertet das Lesen mit
Hörbüchern das Lesen in der Schule an sich auf, indem das gemeinsame simultane Lesen und Hören eine ‚literarische Geselligkeit‘ erzeugt, die von den Kindern wie von ihren Lehrkräften zu gleichen Teilen genossen wird (vgl. Gailberger 2013).
Wie schon beim Lesen und Mitlesen läuft auch beim Hörbuchlesen für 10 bis 20 Minuten im Rahmen des Lesebandes ein Hörbuch in angenehmer Zimmerlautstärke. Auch hier sollte die Lesedauer in Abhängigkeit von der Übung und der Leseflüssigkeit der Kinder gewählt und im Laufe der Förderung gesteigert werden. Die Empfehlung ist jedoch, das Lesen mit Hörbüchern erst gegen Ende des dritten Jahrgangs als Methode einzusetzen, da zuvor die Geschwindigkeit der Hörbücher noch zu weit oberhalb der Lesegeschwindigkeit der Schülerinnen und Schüler liegen könnte und ein Mitlesen schwer möglich wird.

 

Zwar lässt sich bei mp3-Anbietern wie Audible, YouTube oder anderen die Hörbuch-Geschwindigkeit drosseln, allerdings sollte eine Geschwindigkeit von 70% nicht unterschritten werden, da die einlesende Stimme dann zu verzerrt und zu artifiziell klingt.
Darüber hinaus sollte auch bei diesem Verfahren, ähnlich wie bei den Methoden Vorlesen und Mitlesen, der Text nach Beendigung der täglichen Förderung eingesammelt werden, aus denselben Gründen wie bei der zuvor genannten Methode.
 

Näheres unter: Handreichung Leseband

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